Journal vom 30.6.2018

Bilder und Notate – Anmerkungen zum Display am Wilhelm-Leuschner-Platz

von Bertram Kaschek

 

Die Überlieferung und Erinnerung des Vergangenen erfolgt in Fragmenten. Nie ist uns die Vergangenheit als ganze gegenwärtig. So kommt alles auf die Konstellation der Fragmente an. In diesem Sinne führt die In Situ-Installation „Das Jahr 1990 freilegen“ am Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz auf einem Display aus neun großen Schauflächen Fotografien von Andreas Rost mit Textcollagen von Elske Rosenfeld, Notizen von Christian Borchert und erläuternden Texten von Jan Wenzel zusammen. Das von Wolfgang Schwärzler entworfene Layout der Tafeln schließt an ein von László Moholy-Nagy stammendes Gestaltungssystem aus den späten 1920er Jahren an, das auch dem Design des diesjährigen f/stop Festivals insgesamt zugrunde liegt: ein variables Raster schwarzer Balken, das eine gewichtende Gliederung rechtwinkliger Bild- und Textfelder unterschiedlicher Größe erlaubt. In diesem flexiblen System treffen nun über 80 Fotografien, die Rost im Jahr 1990 in Leipzig, Dresden und Berlin gemacht hat, auf eine Vielzahl von Texten, Slogans und Schlagworten aus dem selben Jahr, die Elske Rosenfeld in Zuge intensiver Recherchen aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen hat. Immer wieder fügen sich Bilder und Texte zu thematischen Clustern, doch bleiben diese stets offen für andere Verknüpfungsmöglichkeiten. Eine chronologische Erzählordnung wird man zudem vergebens suchen. Hier findet keine belehrende Geschichtsstunde statt, die entlang des einsinnigen Zeitstrahls über die Ereignisse von 1990 unterrichten würde. Vielmehr erscheint das Jahr nach dem Mauerfall in kaleidoskopartiger Brechung als Zeit-Raum, der in ganz unterschiedlichen Richtungen durchmessen werden kann. Allen Vorbeikommenden steht es offen, sich aus unterschiedlichen Distanzen wechselnde Konstellationen innerhalb des Displays zu erschließen und so eigentätig verschiedene Schichten von 1990 freizulegen.

 

Die Fotografie übernimmt hierbei die Rolle einer unabweisbaren Zeugenschaft. Und sie erweist sich als ein wichtiges Medium der Nachträglichkeit, das einem „Ereignis von langer Dauer“ visuelle Evidenz verleihen kann. Als Dokument, das nach fast 30 Jahren im Archiv jetzt zum ersten Mal öffentliche Sichtbarkeit gewinnt, konfrontiert sie die Zeitzeugen von einst mit Erlebtem, Erinnertem und sicher auch Verdrängtem, während sie den Nachgeborenen und Zugezogenen den Einblick in eine andere, längst vergangene, oft fremde und rätselhafte Welt ermöglicht. Da die Bilder auf dem Display keine Beschriftungen tragen und der situative Zusammenhang der Szenen keineswegs immer erkennbar ist, gewinnen die Fotografien als Bilder einen formalen und emotionalen Eigenwert, durch den sie sich auch gegenüber Textfeldern mit großer, dominanter Schrift behaupten können.

Lässt man sich auf Einzelbilder ein, dann zeugen diese vom einstigen Impuls des Fotografen, auf Straßen und Plätzen, bei Demonstratio­nen und anderen Zusammenkünften mit der Kamera zu erkunden, weshalb die Ideale der Bürgerrechtsbewegung, der er selbst als studentischer Vertreter am Runden Tisch in Leipzig angehört hatte, bei der politischen Willensbildung – etwa der letzten Volkskammerwahl am 18. März 1990 – in der Bevölkerung keinen Anklang mehr fanden. Rosts Bilder sind also ebenso Dokumente einer leisen Verzweiflung über die Nicht-Einlösung der utopischen Potentiale von 89/90. Eine gewisse Resignation mag man nicht nur bei einigen der fotografierten Akteure, sondern bisweilen auch in der Haltung des Fotografen selbst erspüren. Doch macht diese den Fotografen nicht blind für jenes Potential, das nach wie vor im öffentlichen Auftreten der Bürger steckt. Rosts Bilder zeigen seine Anteilnahme und Irritation gleichermaßen. Immer wieder präsentieren sie Menschen, die sich angstfrei im öffentlichen Raum bewegen und ihre Anliegen frei artikulieren können. Und immer wieder ist in den Gesichtern jene selbstbewusste Nachdenklichkeit zu erkennen, die im Verbund mit der stillen körperlichen Präsenz als Akt der politischen Selbstbehauptung gelesen werden kann: „Wir sind hier und treten friedlich für unsere Rechte und Interessen ein.“ Die Individuen treten aus der Masse heraus, um dennoch für sie einzustehen. Sie geben der Masse hinter ihnen ein Gesicht oder besser: verschiedene Gesichter – und bilden damit deren Vielfalt ab.

Die genaue Aufmerksamkeit für Physiognomien ist auch in einem weiteren Bild auszumachen, in dem Menschen mit Geldscheinen und Münzen in den Händen sich einer links außerhalb des Bildkaders befindlichen Person zuwenden – offenbar um neue Westwaren für neues Westgeld nach der Währungsunion entgegenzunehmen. Im Spiegel der erwartungsvollen, mitunter fast verklärten Gesichter erscheint das banale Tauschgeschäft fast wie eine metaphysische Transaktion, in der mit irdischen Mitteln die Glückseligkeit erworben werden kann. Der von oben unscharf ins Bild ragenden Hand kommt so unversehens der Charakter eines Erlösungsgestus zu. Im Horizont christlicher Ikonographie mag man gar an Christus in der Vorhölle denken, der die gepeinigten Seelen aus dem Fegefeuer der sozialistischen Mangelwirtschaft befreit. Für einen Moment, der allzu schnell vorbei sein wird, scheint sich hier das Heilsversprechen der neuen Währung einzulösen. Nur im Blick der jungen Frau am rechten Bildrand deutet sich jener leise Zweifel an, der vor überzogenen Erwartungen schützen mag.

 

In Rosts Fotografien ist der Blick eines Bildautors niedergelegt, der sich aus seiner Perspektive ein komplexes Bild seiner Zeit machen möchte. Auf dem Display koexistieren diese Bilder nun mit einer großen Menge von Texten ganz unterschiedlicher Länge, Provenienz und Autorschaft, die einen großen kollektiven Echoraum erzeugen. In grau hinterlegten Feldern mit relativ kleingedrucktem Text durchzieht jedoch eine weitere individuelle Stimme die Schautafeln: Hier sind Aufzeichnungen des Fotografen Christian Borcherts (1942 – 2000) aus dem Jahr 1990 wiedergegeben, die dieser auf Karteikarten oder in von ihm so genannten „Tagebuchbriefen“ festgehalten hat. Neben Reflexionen seiner eigenen Befindlichkeit galt sein Interesse vor allem Situationen oder Begebenheiten im öffentlichen Raum, denen er offenbar symptomatischen Charakter beimaß. Kommentare zur Auslage von Westwaren stehen neben Beobachtungen zum aufkommenden Nationalismus oder Protokollen mitgehörter Dialoge. Bisweilen kommentiert Borchert auch seine eigene fotografische Praxis. Am 25. April 1990 schreibt er etwa: „Mit der Straßenbahn bin ich also vom Zentrum auch wieder nach Hause zurückgefahren, im Zuckeltrab, und dabei habe ich etwas die Stadt fotografiert. Aus der Bahn raus Bilder gesammelt, vielleicht für HEUTE die beste Methode, wo sich alles überschlägt und wo man sich kaum noch richtig konzentrieren kann.“ 1990 ist für Borchert vor allem auch in künstlerischer Hinsicht ein Jahr größter Verunsicherung und zögernder Neuorientierung.

 

Im Rahmen des Displays kommt den eingestreuten Borchert-Notaten nun eine entscheidende Funktion zu. Denn indem hier ein einzelner Beobachter wiederholt zu Wort kommt, bietet sich den Lesenden vor den Schautafeln die Möglichkeit, gerade inmitten der Kakophonie des öffentlichen Diskurses eine sich durchhaltende Stimme zu verfolgen, die ganz beiläufig und unaufdringlich von der Aufmerksamkeit und Verletzlichkeit eines Einzelnen im historischen Umbruch erzählt. Darüber hinaus erinnern die Notate des Fotografen gemeinsam mit den von Elske Rosenfeld zusammengetragenen Texten an das von David Hockney stammende Motto des Festivals: „Photography is really good, but it’s not good enough.“

 

Bertram Kaschek arbeitet als Stipendiat der VolkswagenStiftung am Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und bereitet derzeit eine Borchert-Retrospektive vor, die im Herbst 2019 zu sehen sein wird.

 

Notate von Christian Borchert: Deutsche Fotothek Dresden

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