Journal vom 10.6.2018

Campaign. Wahlkampf in den USA 1972

von Jan Wenzel

 

Dieser Text erschien zuerst in Camera Austria International 142, im Juni 2018

 

„Politics is television today and television is politics“ (1), bringt Ferdinand Kriwet 1972 seine Beobachtung des amerikanischen Wahlkampfs – damals das Duell zwischen George Stanley McGovern und Richard Nixon – auf den Punkt. Dreimal war Kriwet 1972 in den USA, jeweils zwei Wochen während des demokratischen und republikanischen Konvents im Juli und August, und dann noch einmal fünf Wochen in der Endphase des Wahlkampfs im Oktober und November. Kriwet interessierte vor allem das Medienereignis, die Form, wie der Wahlkampf vom Fernsehen reproduziert wurde. Ähnlich wie bereits drei Jahre zuvor bei der Landung von Apollo 11 auf dem Mond, fuhr er mit Mikrofon und Kamera in dieen USA, um das Fernsehen zu beobachten und eine Medienmitschrift anzufertigen, die er dann zerschneiden und neu zusammensetzen konnte.

 

„Die künstlerischen Methoden und Techniken von Ferdinand Kriwet […] sind die eines Schriftstellers – eines Schriftstellers, der als Erbe einer radikalen Moderne im damaligen Spannungsfeld von Cut Up, Beat und Nouveau Roman experimentierte und sich in seinen Büchern, Hörtexten und Mixed Media-Veranstaltungen auf die Verarbeitung von medialen Fundstücken spezialisierte. Von der zeitgenössischen Literatur verlangte er, auf das ‚Erfinden und Erdichten‘ zu verzichten und sich auf ihr Material, die Sprache, zu besinnen. Auch bei seinen Filmen sollte ausschließlich Gefundenes die Komposition bestimmen: Die ‚Texte‘ der Massenmedien – Fernsehbilder, Zeitungsartikel und Pressebilder – wurden von Kriwet gesammelt, seziert und zu etwas Neuem montiert.“ (2)

 

„Campaign. Wahlkampf in den USA“ betitelte Kriwet das multimediale Ergebnis seiner künstlerischen Medienbeobachtung. „Campaign“ besteht aus drei Langspielplatten und einem 114-seitigen Booklet. Auf den Buchseiten verdichtet der Künstler die unterschiedlichen „visuellen Ereignisse“ des Wahlkampfs zu einer politischen Atmosphäre – Fernsehbilder, Cover von Illustrierten, Headlines von Tageszeitungen, Plakate, Fernsehwerbung, große Werbebanner im Stadtraum. Kriwet zeichnet so die Dynamik des nun auch televisuell geführten Wahlkampfs nach, seinen visuellen Overkill. Indem er auf einer Seite oft mehrere ähnliche Motive gruppiert, schafft er visuelle Ordnungen und einen analytischen Zugriff, der die Grammatik des medialen Ereignisses offenlegt. Gleichzeitig führt er in dieser seriellen Verdichtung aber auch die massive Präsenz der Zeichen vor, die den medialen ebenso wie den realen Raum besetzen und zum Feld der politischen Auseinandersetzung machen.

 

Kriwet, der sich in den 1960er-Jahren von der Konkreten Poesie kommend verstärkt mit der Materialität sprachlicher Zeichen – ihrer visuellen wie akustischen Qualität – auseinandergesetzt hat, zeigt dabei ein besonderes Gespür für optische Muster und rasante Schnitte. Mit experimentellen Büchern wie „Apollo Amerika“ (1969), „Stars“ (1971) oder COM.MIX (1972),(3) die alle in großen Publikumsverlagen erschienen, aber auch mit dem Booklet zu „Campaign“ schlägt Kriwet seit den späten 1960er-Jahren den Weg vom Schriftsteller zum bildenden Künstler ein. Durch sein Interesse an der Sprache in den Massenmedien und einer Semiotik der Massenkultur bekommt sein Werk in dieser Phase eine große Nähe zur amerikanischen Pop Art, ohne dabei die gesellschaftspolitische Dimension, die die Konkrete Poesie seit den 1950er-Jahren einforderte, aus den Augen zu verlieren.

 

War bereits das Fernsehen ein Durchgangsmedium, in dem sich das Jetzt verdichtete und das im Modus des Momenthaften, der permanenten Augenblicklichkeit funktionierte – „Das Fernsehen kennt nur eine Zeit, die Gegenwart“(4) – so gilt das für die sozialen Medien, die Mitte der Nullerjahre aufkamen, für Facebook, Twitter, YouTube und Instagram, noch radikaler. Besaß das Fernsehen noch eine geplante und im Vorhinein strukturierte Programmierung, auf die sich die RezipientInnen einstellen konnten, so existiert Kommunikation in den sozialen Medien allein im Modus des „Jetzt und Jetzt und Jetzt“.

 

1 Stefan Schuelke und Karlheinz Deutzmann (Hg.), Kriwet. Bibliografie, Köln: Stefan Schuelke Fine Books [o. S., Eintrag 18].

2 Marc Matter, »Der Schriftsteller als Filmemacher. Über die Text-Filme von Ferdinand Kriwet«, in: Gergor Jansen (Hg.), KRIWET. Yester ’n’ Today, Köln: DuMont Buchverlag, 2011, S. 118.

3 Kriwet, Apollo Amerika, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1969; Kriwet, Stars. Lexikon in 3 Bänden, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1971; Kriwet, COM.MIX, Köln: DuMont Schauberg, 1972.

4 Anna Häusler, Tote Winkel. Ereignis-Lektüren, Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2013, S. 50.

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