Journal vom 24.6.2018

Fordern, überfordern, verweigern.
Bild- und Raumpolitik(en) in der Migrationsgesellschaft

von Ayşe Güleç

 

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht in: Zülfukar Çetin, Savaş Taş (Hg.): Gespräche über Rassismus. Perspektiven & Widerstände. Berlin: Verlag Yılmaz‐Günay 2015.

 

Unter Einsatz mehrerer Mannschaftswagen und Gefangenentransporter ließ Anfang Juni 2014 in Berlin das Landeskriminalamt aus einem Wandbild den Satz «Staat und Nazis Hand in Hand» entfernen. (1) Mit diesem Wandbild erinnerte ein Berliner Bündnis gegen Rassismus an den zehnten Jahrestag eines Anschlags, bei dem durch eine Nagelbombe in der Kölner Keupstraße mehrere Menschen verletzt wurden – eine der Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), der ab 2000 bis zum Zeitpunkt seiner Selbstenttarnung Anfang November 2011 mindestens zehn Morde und zwei Bombenanschläge begangen hat. 

 

Kassel ist der Ort, an dem Halit Yozgat als das neunte Opfer durch den NSU ermordet wurde. In der aktuellen Auseinandersetzung, bei der es um eine Straßenumbenennung nach Halit Yozgat geht, sind ebenfalls Bild- und Raumpolitiken (2) wahrnehmbar und miteinander verbunden. Seit der Gründung der Initiative 6. April, die das Gedenken an Halit Yozgat wachhält und den Diskurs über Rassismus in Kassel stärker öffnen will, stehe ich als Teil der Initiative mit İsmail Yozgat – dem Vater des Ermordeten – in Kontakt. Seit bekannt wurde, dass die Mordserie auf das Konto des NSU geht, fordert İsmail Yozgat, die Holländische Straße, in der Halit Yozgat ermordet wurde, in Halitstraße umzubenennen. In der Auseinandersetzung, den Opfern von rassistischen Taten einen Ort des Gedenkens zu geben, spielen Bilder, Bildräume und konkrete, physische Räume und deren Raumqualitäten eine zentrale Rolle. Sowohl mit Bildern als auch mit und in Räumen finden visuelle und praktische Politiken, Handlungen und Interaktionen statt, die zu Orten der politischen Intervention, der Argumente und Gegenargumente werden. Daher spielen im Folgenden Bilder, getragene Bilder (3) und ihre Bildträger_innen sowie die konkret geforderten und verweigerten Räume eine Rolle. Ausgehend von diesem Beispiel interessieren mich prinzipiell folgende Fragen:

 

Welche politischen Handlungen/Haltungen werden visuell, ästhetisch in/mit Bildern und in/mit Räumen verhandelt?

Wie schreiben sich Kämpfe und Auseinandersetzungen in Bilder und Räume ein?

Welche Argumente und Forderungen (auch bildliche) werden in der Interaktion zwischen minorisierten und hegemonialen Positionen benutzt und bemüht?

 

Das lokale und konkrete Beispiel aus Kassel nutze ich exemplarisch. Am Beispiel des neunten Opfers Halit Yozgat werden die Verstrickungen des Verfassungsschutzes und die rassistischen Vorgehensweisen der staatlichen Stellen während der Ermittlungen vor dem Auffliegen des NSU und danach deutlich. In groben Zügen berichte ich über die Geschehnisse und befrage dabei die Bild- und Raumpolitiken in der Auseinandersetzung zur Frage der Straßenumbenennung in Kassel. Hieraus lassen sich unterschiedliche Argumentationslinien ablesen, die auf andere Themen, Fragestellungen und Kämpfe zwischen majorisierten und minorisierten Kontexten und Positionen in der Migrationsgesellschaft (4) übertragbar sind. (5)                                                                                  

 

Was geschah in Kassel?

 

Die Stadt Kassel reagierte auf den Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006 erst, nachdem der NSU und seine Taten Anfang November 2011 aufgeflogen waren. Sie rief gemeinsam mit zahlreichen Organisationen zu einer Menschenkette am 6. April 2012 auf. Einige Monate später schon – am 1. Oktober 2012 – benannte die Stadt Kassel einen bis dahin namenlosen Platz offiziell als Halitplatz und stellte eine Stele mit einer Gedenktafel mit den Namen aller Opfer auf. Gedenktafeln gibt es jetzt in Dortmund, Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Kassel und Heilbronn. (6) Schräg gegenüber vom Halitplatz auf der anderen Straßenseite befand sich das Internetcafé von Halit Yozgat – nur drei Häuser vom örtlichen Polizeirevier entfernt.   

 

Die Straßenbahnhaltestelle Phillip-Scheidemann-Platz, die sich in direkter Nähe des Platzes befindet, wurde in Halitplatz umbenannt. Sie wurde mit dem neunen Namen «Halitplatz» und im kleinerem Schriftzug «Philipp-Scheidemann-Platz» ausgeschildert. In der Straßenbahn werden beide Namen durchgesagt. Auf dem Display in der Straßenbahn wird nur «Halitplatz» angezeigt.

 

Der Halitplatz befindet sich im Stadtteil Nord-Holland – auch Nordstadt genannt. Für die Geschichte der Arbeitsmigration ist dieser traditionelle Arbeiter_innen-Stadtteil ein wichtiger Ort des Ankommens, des Sich-Niederlassens und der Transformation. Geprägt durch eine dichte Ansiedlung von Betrieben der metallverarbeitenden Industrie und der Rüstungsindustrie bot der Stadtteil leerstehende werksnahe Wohnungen. Viele Arbeitsmigrant_innen waren zunächst in «Arbeitsbaracken» der Werke, unter anderem in der Nordstadt, untergebracht. (7) Nach der Ölkrise 1973 und dem damit einhergehenden Anwerbestopp für Arbeitsmigrant_innen wurden Familien nachgeholt, die den benötigten Wohnraum hier im Stadtteil Nord-Holland fanden. Noch heute gilt der Stadtteil mit einem Anteil von rund 60 Prozent als migrantisch geprägt. In den Medien und in der Öffentlichkeit, vor allem außerhalb des Stadtteils, wird Nord-Holland als «Ghetto» marginalisiert. Dass der Stadtteil, in dem sich auch die Kasseler Universität befindet, in seiner Bevölkerungszusammensetzung sehr heterogen und ebenso studentisch geprägt ist, wird meist nicht erwähnt. Stattdessen wird – wie auch für migrantisch geprägte Stadtteile in anderen Städte zu         beobachten – das Bild eines «fremdkulturell homogenen», gefährlichen, kriminellen Stadtteils aufrechterhalten.

 

1980 wurde Halit Yozgat in der Holländischen Straße geboren und am 6. April 2006 in seinem Internetcafé ermordet. Am Nachmittag des 6. April 2006 waren sechs Kunden im Laden. Kurz nach 17 Uhr kam der Vater İsmail Yozgat in den Laden, um seinen Sohn abzulösen, damit dieser zum Abendgymnasium gehen konnte. Er fand seinen Sohn mit zwei Kopfschüssen schwer verletzt hinter dem Tresen liegend. Wenige Minuten später starb Halit Yozgat in den Armen seines Vaters.       

 

Wie später ermittelt wurde, befand sich zur Tatzeit der Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz Andreas Temme im Laden. Er ist ein so genannter «Quellenführer», und zwar für fünf Quellen im Bereich Islamismus und für eine im Bereich Rechtsextremismus. Als Halit Yozgat zwischen 17 Uhr 01 und 17 Uhr 03 erschossen wurde, loggte sich dieser Verfassungsschutzmitarbeiter – um genau 17 Uhr 01 – aus der Kontaktbörse iLove aus. Er legte das Geld auf den Tresen und verließ den Laden, während Halit Yozgat bereits schwer verletzt hinter dem Tresen auf dem Boden lag.

 

Nach dem dritten Mord gingen die ermittelnden Behörden von einer Serie aus. Und sie gingen von Anfang an von der Grundannahme aus, dass die Mörder in migrantischen Kreisen und im familiären Umfeld der Betroffenen zu suchen seien. Rassismus als relevantes Verdachtsmoment wurde nicht nur ignoriert, sondern war von Anfang kein Analysekriterium und wurde auch im weiteren Verlauf – trotz deutlicher Hinweise und Indizien – nicht berücksichtigt. Und das, obwohl es Gutachten gab, die «Hate Crime», also Hass-Verbrechen aufgrund von «Ausländerfeindlichkeit», für die Mordserie in Erwägung zogen. Denn neun Opfer hatten einen migrantischen Hintergrund und wurden mit ein und derselben Tatwaffe (Ceska-Pistole in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel) umgebracht. Deutliche Anzeichen für Rassismus und Hinweise auf Neonazi-Szenen wurden nicht gesehen. Stattdessen wurden Gegengutachten erstellt, um die These von einer migrantischen «Milieu-Kriminalität mit Mafia-Strukturen» weiterzuverfolgen (wegen dieser Mutmaßung hatte der Verfassungsschutz in Nürnberg eigens eine Imbissbude eröffnet, um in den Kreisen der Dönerzulieferfirmen zu recherchieren). Die Medien und Tageszeitungen folgten diesen Mutmaßungen der ermittelnden Behörden und berichteten entsprechend von «Mafiamorden», «Drogenkriminalität» und «Dönermorden».   

 

Für die Familienangehörigen der Opfer und Betroffenen der Bombenanschläge war das eine lange Zeit der unvorstellbaren Belastung, da sie bis zur Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 selbst verdächtigt und die Täter ausschließlich in migrantischen und familiären Kreisen gesucht wurden. In den Ermittlungen wurden auch Bilder bewusst eingesetzt: Um in den betroffenen Familien zu ermitteln, wurde zum Beispiel die Fotografie einer blonden Frau gleich in zwei Familien benutzt, um die Hinterbliebenen der Opfer – Witwen und Kinder – mit der konstruierten Geschichte von einer Geliebten zu konfrontieren. Die Geschichte der Ermittlungen vor und nach dem Bekenntnis des NSU zu seinen Taten strotzt von groben, skandalösen Fehlern und dem Fehlverhalten der ermittelnden Beamten. Damit meine ich nicht nur das Schreddern wichtiger Akten, sondern das rassistische Ermittlungsverfahren und das Verhalten der Beamten und der staatlichen Behörden selbst.

 

Nur einen Monat nach dem Mord an Halit Yozgat fanden 2006 Demonstrationen zuerst in Kassel und dann in Dortmund unter dem Motto «Kein 10. Opfer» statt. Organisiert wurde der Trauerzug von drei Familien, deren Angehörige ermordet worden waren. Zu einer Zeit, als alle Behörden die Täter und die Mordmotive noch im familiären Umkreis der Angehörigen suchten, hatten die Angehörigen der Opfer bereits ein anderes Wissen, eine andere Erklärung und Analyse für die Mordserie. Sie gingen auf die Straße, um gemeinsam darauf aufmerksam zu machen.

 

Auf den Bildern aus dokumentarischem Filmmaterial tragen die Demonstrant_innen ein Banner mit der Aufschrift «Kein 10. Opfer». An der Demonstration in Kassel nahmen ca. 4000 Personen teil. Die Route führte vom Internetcafé in der Holländischen Straße durch die Innenstadt bis zum Kasseler Rathaus. Von der kritischen Öffentlichkeit und verschiedenen linken und antirassistischen Gruppen wurde diese Demonstration kaum bis gar nicht wahrgenommen. So blieb sie eine fast innermigrantische Angelegenheit. Auf den Videoaufnahmen und weiteren Bildern der Demonstration in Kassel und Dortmund sind neben dem Banner «Kein 10. Opfer» Plakate mit der Forderung nach der Aufklärung der «rassistischen Morde» sichtbar (8) (und ein Jahr später wurde die zehnte Person umgebracht). An der Spitze des Demonstrationszuges tragen Angehörige der Opfer großformatige Bilder. Es sind Porträts der damals noch neun Opfer.                                             

 

Nach Tom Holert (9) erinnern uns getragene Bilder – wie bei der Demonstration und dem Trauerzug «Kein 10. Opfer» – an das Tragen von Heiligenbildern bei Prozessionen oder an religiöse und politische Märtyrerbildnisse. Wichtiger aber erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass hier eher die Verbundenheit zwischen den Bildträger_innen und dem getragenen Bild gezeigt wird. Getragene Bilder von Personen haben immer eine besondere Wirkung. Mir fallen Bilder von kurdischen, argentinischen, chilenischen oder mexikanischen Frauen ein, die Porträts ihrer verschleppten und verschwundenen Töchter, Söhne oder Partner der Öffentlichkeit zeigen und vorhalten. Beim Betrachten solcher Bilder denke ich über die Verbindung zwischen Träger_in und porträtierter Person nach. Die Bilderträger_innen argumentieren mit den Bildern, und vielleicht glauben sie an deren Wirkung und Macht. Die Angehörigen der Opfer und die übrigen Teilnehmer_innen des Trauerzuges «Kein 10. Opfer» tragen die Bilder vor sich, sie zeigen, dass sie hinter den Ermordeten stehen und somit für sie einstehen. Eine dichte Körperlichkeit, bei der die Porträts am eigenen Körper, auf Brusthöhe und dicht am eigenen Herzen getragen werden. Das dichte Halten und Tragen der Bilder am eigenen Körper10 steht noch für etwas anderes: Durch das getragene Bild werden die Träger_innen auch zu Handelnden und somit zu Handlungsträger_innen. (11) So findet mein Blick auch schnell İsmail Yozgat. Er und ein kleiner Junge tragen das Porträt von Halit. Zu sehen sind beide in der zweite Reihe der Bildmitte (Bild 6).

 

Fordern und überfordern

 

Die Wohnung, in der Halit geboren wurde, befindet sich in der Holländischen Straße direkt über dem Internetcafé. In diesem Haus wurde er geboren, da wurde er ermordet. Im Februar 2012 wurden die betroffenen Familienangehörigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer offiziellen Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des NSU-Terrors empfangen. Damals forderte İsmail Yozgat, wie alle anderen Familienangehörigen, die lückenlose Aufklärung der Morde und äußerte zum ersten Mal den Wunsch nach der Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstraße. Seither verleiht er seiner Forderung Nachdruck, und zwar mit einem Bildplakat. Das folgende Pressefoto anlässlich des Empfangs der Opferfamilien beim Bundespräsidenten vom 17. Februar 2013 zeigt (von rechts nach links) in der ersten Reihe Bundespräsident Gauck, İsmail Yozgat und Ayşe Yozgat, die Mutter des Ermordeten. Zu diesem Anlass trug İsmail Yozgat das erste Mal dieses Schild mit dem Foto von Halit und der Forderung nach der Straßenumbenennung. Ab diesem Zeitpunkt nutzt er dieses Bildplakat bei allen öffentlichen Auftritten: im Gerichtssaal beim NSU-Prozess, bei Empfängen und Veranstaltungen – auch bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen für Halit am 6. April in Kassel.

 

Warum macht er das?

 

Diese Frage ist berechtigt, und ich stellte sie mir oft: Das Bildplakat, das İsmail Yozgat bei solchen Gelegenheiten am Körper trägt, besteht in der oberen Hälfte aus dem Porträt von Halit als lachendem Jungen im Alter von etwa zehn Jahren. Der zweite, untere Teil des Bildplakates besteht aus seiner Forderung nach der Umbenennung: Holländische Straße ist mit einem roten Strich durchgestrichen. Darunter steht: «Halitstraße oder ich will meinen Sohn zurück.»(12)                    

 

Wenn İsmail Yozgat dieses Bildplakat trägt, dann situiert er sich in diesem Moment als Vater, dessen Kind ermordet wurde. Gleichzeitig sind einige Verkehrungen, Brüche und Paradoxien eingebaut: Die Unmöglichkeit spielt in diesem Bild eine zentrale Rolle – unmöglich ist es, dass er seinen Sohn zurückbekommt. Ist die Forderung nach der Straßenumbenennung ebenso unmöglich? Oder ist ihm nicht das für unmöglich Geglaubte, für unmöglich Gehaltene passiert? Oder noch mal anders: Ist es nicht eher im Bereich des Möglichen, den Namen der Holländischen Straße zu verändern als ihm den ermordeten Sohn lebendig zurückzugeben?

 

Warum wollen die das nicht?

 

Auch diese Frage ist berechtigt und bringt interessante Argumentationen und Logiken gegen die Umbenennung bei städtischen Vertreter_innen, Kommunalpolitiker_innen und Bürger_innen hervor: In den Gesprächen und Interviews, die ich zur Recherche zu Bild- und Raumpolitiken führte, werden oft wiederkehrende Argumente genannt. Wie Loops tauchen die gleichen Argumente in fast gleicher Abfolge auf: Die Holländische Straße – einst der Handelsweg Richtung Holland – habe eine wichtige historische Bedeutung für die Stadt und den Stadtteil. Halit Yozgat habe keine besondere Stellung gehabt oder eine besondere Leistung erbracht wie andere Namensgeber_innen für die Kasseler Straßen.13 Zudem sei ein auf eine so alte Tradition und Geschichte verweisender Straßenname nicht einfach veränderbar. Ein anderes und fast beängstigendes Argument ist das des Gleichgewichts: Die Stimmung könne kippen und auch Yozgat14 gegenüber noch Gutgesinnte könnten ihre Haltung ändern. Der soziale Frieden im Stadtteil könne damit ins Wanken geraten. Der NSU-Prozess läuft und das Bedürfnis nach einem Schlussstrich liegt fast überall in der Luft.

 

Warum nervt İsmail Yozgat?

 

Mit seiner immer gleichen Forderung und vor allem mit dem getragenen Bildplakat löst İsmail Yozgat – bewusst oder unbewusst – affekthafte, unreflektierte, diskriminierende und offen rassistische Reaktionen aus. Bei der Gedenkveranstaltung am 6. April 2014 wurde er von einem städtischen Vertreter gar aufgefordert, in seiner Rede nicht über die Forderung nach der Straßenumbenennung zu sprechen. Sobald er über die Forderung spricht und dabei visuell im Raum mit dem Bildplakat handelt, gibt es Reaktionen der Überforderung und der Abwehr  (Genervt-Sein, Augenrollen/-verdrehen). Kurz nach der Gedenkveranstaltung am 6. April 2014 häuften sich rassistische Leserbriefe in der Onlineausgabe der lokalen Presse, so dass die Kommentierfunktion zwischenzeitlich abgestellt wurde. Auf die Gedenktafel gab es 2014 direkt nach der Gedenkveranstaltung einen Farbanschlag. Im Jahr zuvor wurde die Gedenktafel drei Tage vorher beschädigt. Anfangs wurde die Forderung von İsmail Yozgat falsch übersetzt: nur «Halit-», nicht «Halit-Yozgat-Straße» soll die Straße heißen. Der Nachname als Verbindung zur Familie ist nicht zentral, sondern Halit als Metapher und Symbol für alle Opfer. Das kleinformatige Bild «Wir gedenken aller Halits», das die Initiative 6. April zur Mobilisierung breiterer Bevölkerungsgruppen 2013 und 2014 nutzte, ist deshalb als visuelles Zeichen von allen angenommen worden.

 

Warum sollten wir das nicht wollen?

 

Der NSU-Prozess ist das bedeutendste Gerichtsverfahren gegen organisierte Neonazis mit Verbindungen zu staatlichen Behörden seit 1945. Allerdings sind insbesondere die Betroffenen, migrantische Bevölkerungsgruppen und kritische Prozessbeobachter_innen von diesem Prozess enttäuscht, da darin nicht über das Staatsversagen und die Rolle des Verfassungsschutzes verhandelt wird. Die skandalösen, rassistischen Ermittlungsverfahren werden nicht zum Gegenstand gemacht. Mit dem NSU-Prozess wird die Narration und Darstellung einer «extremistischen» Dreiergruppe verfestigt, wodurch die «Mitte der Gesellschaft» per se als demokratisch und «rechtsstaatlich» entlastet wird.15 Somit wird nicht offengelegt, wer zum «NSU-Komplex» gehör(t)e. Gefragt wird nicht nach den Verstrickungen des Staates, nicht nach den Voraussetzungen, den Bedingungen und dem gesellschaftlichen Klima, das ihn ermöglichen konnte.

 

Wie Opferbilder zu Täterbildern werden

 

Die in den Medien und im Internet zirkulierenden Bilder der Opfer, die auch von der kritischen Öffentlichkeit unhinterfragt oder mangels anderer Bilder benutzt wurden, erinnern durch die Bearbeitungs und Darstellungsform merkwürdigerweise an Fahndungsfotos. Es sind Kopfporträts. Beim genauen Betrachten ist auffällig, dass hier der Kopfbereich einiger der Opfer aus Fotografien ausgeschnitten wurde.16 Vielleicht waren die Bilder, aus denen die Köpfe ausgeschnitten wurden, zur Erinnerung an Familie, Freunde, Urlaube, Feste, das Berufsleben oder an den ersten eigenen Laden entstanden. Waren es die Angehörigen selbst, die statt Passfotos den Ermittlern solche Bilder zur Verfügung stellten, aus denen dann die «Köpfe» aus ihrem sozialen Umfeld herausgeschnitten wurden? In vielen Medien fand zudem ein Ausschneiden und Reduzieren auf «türkische» Opfer statt.

 

İsmail Yozgat scheint in einem Aufruf, den er in diversen Geschäften in Kassel-Nordstadt aushängte, fast bewusst Bezug auf die Reduktion der Opfer zu nehmen. Er fordert darin in türkischer Sprache dazu auf, zur Gedenkfeier zu kommen. Sowohl auf dem Plakat als auch in seinen Ansprachen bei den Gedenkveranstaltungen am Halitplatz verwendet er den Begriff Märtyrer im Sinne eines politischen Opfers:

 

Übersetzung des Aufrufs durch die Autorin

 

AUFRUF

 

Verehrte Freund_innen,
Nazis haben in der Umgebung Kassels ein Opfer gesucht. Es traf meinen einzigen Sohn Halit.
Mein 21 – jähriger Sohn Halit ist zum Märtyrer geworden. Es war den Nazis egal, wen es traf.
Unter den Märtyrern/Opfern waren TÜRKEN, KURDEN, SUNNITEN, ALIVITEN, GRIECHEN und eine DEUTSCHE POLIZISTIN.

 

Ich möchte es nicht betonen, aber dieses Opfer hätte auch Ihr Kind oder Angehöriger sein können.
Wenn Sie so etwas Schmerzvolles nicht wieder erleben wollen, dann müssen Sie am

 

6. APRIL ZUM HALIT-TAG

 

kommen und Ihre Kinder mitbringen. SCHWEIGEN Sie nicht. Wenn Sie schweigen – Gott behüte –, kann es auch Sie treffen.

 

VERGESSEN SIE NICHT.
DIESE SACHE IST UNSER ALLER SACHE.

 

Datum: Sonntag, 6. April 2014 / Uhrzeit: 15.30 / Ort: Halit-Platz

Vater des Kasseler Opfers Halit

 

Die schwierige Aufgabe des Stadtteilparlaments

 

Der Ortsbeirat Nord-Holland hat als Gremium die Funktion eines Stadtteilparlaments. In vielen Themen hat er keine Entscheidungsfunktion, soll aber angehört werden. Nach der hessischen Gemeindeordnung haben die gewählten Mitglieder des Gremiums bei Straßenbenennungen oder -umbenennungen, wenn sich die betreffende Straße im Gebiet ihres Stadtteils befindet, eine Entscheidungsbefugnis. Doch der Ortsbeirat Nord-Holland kam bei der Frage der Platzbenennung erst gar nicht zum Zug. Das Büro des Oberbürgermeisters machte diese Frage zur Chefsache. Es gab mehrere Besuche bei und Gespräche mit der Familie Yozgat, um einen Kompromiss zu finden. Oberbürgermeister Bertram Hilgen setzte sich vehement dafür ein, der Ausländerbeirat der Stadt Kassel wurde aktiv und im Magistrat wurden Vorschläge für mögliche Orte diskutiert, es wurde abgewogen und ausgewählt.

 

Im Ortsbeirat wurde die Umbenennung der Holländischen Straße als Forderung diskutiert, deren Umsetzung unter anderem wegen der damit verbundenen Kosten als unrealistisch und unmöglich gesehen wurde. Diese Position kanonisierte sich auch außerhalb des Ortsbeirates sehr schnell, so dass die gewählten Mitglieder des Gremiums wie auch Vertreter_innen des Ausländerbeirates, die eine beratende Stimme in diesem Gremium haben, den Vorschlag für den Platz und die Haltestelle begrüßten.

 

Ein Platz, der kein Platz ist

 

Im architektonischen und soziologischen Sinne ist der Platz, der zum Gedenken an Halit ausgewählt wurde, kein Platz. Als einer der Haupteingänge zum Kasseler Hauptfriedhof hat er eher den Charakter einer Transitfläche. Verstärkt wird dieser Aspekt zusätzlich durch die Lage des Platzes, da die Fläche zwischen der stark befahrenen Mombachstraße und der Holländischen Straße liegt.       In der Achse zum Halitplatz befindet sich der direkt am Kulturzentrum Schlachthof gelegene Kemal-Altun-Platz. Cemal Kemal Altun war ein politischer Flüchtling, der sich 1982 in Berlin während seines Asylverfahrens gezwungen sah, aus dem Fenster des Gerichtes in den Freitod zu springen, da er abgeschoben werden sollte. Weil Cemal Kemal Altun das erste Todesopfer des Asylverfahrens war, wurde damals eine Gruppe aktiv, die einen öffentlichen Platz für Altun und diesen Teil der deutschen (Flüchtlings-) Geschichte erkämpfen wollte. Diese Idee ließ sich mit den damaligen Mitgliedern des Ortsbeirates nicht realisieren. Auch in dieser Frage tauchten damals bei den Gesprächen mit dem Ortsbeirat die gleichen Argumente wie heute auf. Die damalige Initiative entschied sich Mitte der 1980er Jahre daher für einen Weg der nicht-offiziellen Platzbenennung.

 

Was darf (nicht) gezeigt und (nicht) erinnert werden?

 

Mahnmale an einschneidende politische Ereignisse für die Gesellschaft sind wichtige Erinnungs- und Gedächtnisorte. Wenn es um Rassismus geht, können solche Orte erst nach einem langen, zähen Kampf erwirkt werden. Bezüglich der staatlichen Erinnerungspolitik zu Rassismus offenbaren sich nicht nur Machtverhältnisse zwischen majorisierten und minorisierten Positionen, sondern ausgrenzende, rassistische Argumente, mit denen die «fremden Anderen» konstruiert werden. 

 

Mit der Mordserie des NSU sollte das Leben von Migrant_innen verletzt und migrantische Communities verunsichert werden. Zudem wollte der NSU symbolisch «Bilder» treffen, die für Stadtteile stehen, die sich durch Migrationsprozesse gewandelt haben und noch weiter verändern werden. Auch innerhalb der migrantischen Communities gibt es ein Nichtvergessen und Formen des Speicherns von Erinnerung, weil Rassismus nicht nur eine persönliche, sondern immer auch eine kollektive Erfahrung bleibt. Somit wird er Teil des Gedächtnisses der gesamten Bevölkerung. Gerade deswegen braucht Rassismus, wie er sich mit dem NSU-Komplex äußerte, Markierungen im Stadtraum, um diesen Teil der Wirklichkeit nicht zu leugnen. Dabei geht es aber nicht um irgendwelche Räume. Vielmehr sind auch die Raumqualität von Plätzen/ Straßen und deren Sichtbarkeit entscheidend.

 

Das (Um-) Benennen von Straßen/Plätzen nach den Opfern von rassistischen Morden scheint grundsätzlich an den Mordorten noch viel weniger durchsetzbar zu sein.17 Würden Gremien, Interessengruppen und Verwaltungen entsprechend daran mitwirken, könnte ein gesellschaftlicher Dialog über diesen Teil der gemeinsamen Geschichtserfahrungen entstehen. Durch die Nichtbeachtung und das Negieren dieser gemeinsamen Wirklichkeit wird – auch getragen von politischen Vertretungen und kommunalpolitischen Gremien – dagegen eine hegemoniale Geschichte fortgeschrieben, die bewusst blinde Flecken produziert und auf Verleugnungen basiert. Dabei werden Erfahrungen breiter migrantischer Bevölkerungsgruppen ausgeblendet, die es gilt, als Teil der deutschen Geschichte und ihrer Migrationspolitik sichtbar zu machen. So bleibt diese Auseinandersetzung – wie auch die Demonstration «Kein 10.Opfer» – eine tägliche Angelegenheit von Migrant_innen im Bündnis mit Initiativen, die daran mitwirken. Über den anderen Teil der Geschichte werden die Betroffenen des NSU-Komplexes wie İsmail Yozgat und andere weiter sprechen und streiten. So tun es beispielsweise überlebende Familienmitglieder des Brandanschlages von Mölln seit 1992 bis heute.

 

Im Zusammenhang der alltäglichen Diskriminierung und Benachteiligung und der Ausblendung von migrantischen Perspektiven ist an dieser Stelle ein anderer Bildträger zu erwähnen: Aydın Alkın ist – mit Pfeife, Plakat und Megafon ausgestattet – im gesamten Stadtraum Berlins als Bildträger mit seinem Fahrrad aktiv. Er macht das Thema «Wahlrecht für Ausländer und für mehr Demokratie» seit 2005 täglich, unermüdlich und allein zum Thema. Gleiche Rechte für alle sind seit den 1990er Jahren kein Thema der öffentlichen Diskussionen und Forderungen. Das Foto zeigt Herrn Alkın im Jahr 2013.

 

Am 8. Mai 2012 wurde die Holländische Straße im Rahmen einer Aktion von einer Gruppe für einen Tag zur Halit-Yozgat-Straße umbenannt. Auch wenn die Reaktionen sehr unterschiedlich waren, bleiben die Erfahrungen mit dem NSU-Komplex und mit den ermittelnden Behörden einschneidend: Warum sollten wir nicht eine Halitstraße als Gedenken an alle Opfer wollen? Das wäre eine Narbe, die sich durch den ganzen Stadtteil ziehen und sichtbar bleiben würde. Kassel verfügt über viele Narben: Als eine der ersten Gemeinden erprobte es 1938 die Novemberpogrome. Als deutlich wurde, dass die Kasseler Bevölkerung mitmachte, folgten andere Städte und die Pogrome wurden flächendeckend umgesetzt. Kassel hat eine lange Tradition in der Rüstungsindustrie. Genau dies führte auch zu seiner starken Zerstörung Ende des Zweiten Weltkriegs.

 

Eine weitere Narbe in einer zerstörten und wiederaufgebauten Stadt, die so viel Praxis im Symbolisieren von Verlust und Gewalt einüben musste. Welche Narben dürfen gezeigt werden – und welche nicht?

 

Anmerkungen

 

1) Wegen Verunglimpfung des Staates und Verstoßes gegen § 90a des Strafgesetzbuches (StGB) wurde eine Strafanzeige gegen das Bündnis gegen Rassismus eingeleitet. Einen Monat später hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, da diese Äußerung zwar provokant, aber angesichts des Münchener Prozesses zulässig sei. Ende Juni 2014 hat das Bündnis gegen den rechtswidrigen Polizeieinsatz geklagt und fordert, dass die Polizei den entfernten Satz wieder in das Wandbild einfügt.

 

2) Dieser Text ist die erweiterte Fassung eines Vortrags, den ich am 6. Juni 2014 in Wien anlässlich der internationalen Konferenz «Orte, Räume und das Gedächtnis der Migration» des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Universität Wien und des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck gehalten habe.

 

3) Ich verwende den Begriff Migrationsgesellschaft, da Begriffe wie interkulturell, transkulturell oder auch postmigrantisch als Beschreibungen einer heterogen konstituierten Gesellschaft die darin enthaltenen gesellschaftlichen Unterschiede homogenisieren und somit Privilegien und Differenzen depolitisieren. Mit dem Begriff Migrationsgesellschaft will ich darauf verweisen, dass Migration ein konstitutiv-dauerhaftes wie auch prägendes und transformatives Element darstellt.

 

4) In vielen Auseinandersetzungen um politische Rechte – zum Beispiel bei den aktuellen Refugee-Widerständen in Berlin – spielten konkrete Räume und Plätze eine zentrale Rolle. Als zum Beispiel das Camp in Berlin mit Gewalt aufgelöst wurde, zogen die Refugees auf den sichtbaren Platz gegenüber in den Hungerstreik. Der geräumte, leere Platz – abgezäunt und mit frischem Rollrasen ausgelegt – erinnerte an die gewaltsame Räumung.

 

5) Auf den Gedenktafeln einiger Städte hatte sich zunächst ein falsches Todesdatum für İsmail Yaşar eingeschlichen. Er wurde am 9. Juni 2005 ermordet. Der Fehler ist inzwischen auf allen Gedenktafeln korrigiert worden.

 

6) Die Unterkünfte für Zwangsarbeiter in der NS-Zeit wurden etwa 15 Jahre später meist zur Unterbringung der ersten Gastarbeiter genutzt.

 

7) In den Redebeiträgen der Demonstration «Kein 10. Opfer» in Kassel wurde gefordert, das Morden zu beenden und die Täter zu nennen. Die Redebeiträge werden übersetzt und die getragenen Transparente sind in deutscher Sprache. Adressiert werden der Staat und die politisch Verantwortlichen. Link zum Film http://www.nsu-watch. info/2014/01/kein-10-opfer-kurzfilm-ueber-die-schweigemaersche-in-kassel-und-dortmund-im-maijuni-2006.

 

8) Bei den Betroffenen führten die Erfahrungen während der Ermittlungszeit zu starker Verunsicherung und Einschüchterung. Erst mit Bekanntwerden des NSU entstanden Initiativen, die die Betroffenen vor Ort unterstützen. Durch die Veröffentlichung der rassistischen Tatmotive und der Zusammenhänge in München erfahren die Betroffenen, dass sie mit ihrem Wissen und ihren Analysen richtiglagen.

 

9) In Kassel tragen 400 Straßen Namen von Personen, darunter sind einige Namen von hugenottischen Flüchtlingen, die vom Landgrafen großzügig eingeladen und aufgenommen wurden. Nach dem Dreißigjährigen Krieg passten sie als Handwerker und Architekten gut in die Verwertungslogik des Landgrafen (siehe dazu http://www.stadt-kassel.de/stadtplan/strassenverzeichnis).

 

10) Eine Opfer-Täter-Umkehr, wie sie auch Überlebende der Brandanschläge der 1990er Jahre in Solingen, Hattingen und Mölln erfahren mussten.

 

11) Ausgeschnitten aus anderen Fotografien sind die Kopfporträts zum Beispiel bei den Bildern von Theodor Boulgarides, Abdurrahim Taşköprü, Habil Kılıç und İsmail Yaşar (Übersichtsfoto ist im Internet unter dem Begriff «Übersicht NSU-Opfer» auffindbar).

 

12) Der Hülya-Platz, benannt nach Hülya Genç, einem der Opfer des Brandanschlages vom 29. Mai 1993 in Solingen, befindet sich in Frankfurt a. M. Bahide Arslan wurde ein Opfer des Brandanschlages in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992 in Mölln, doch der Bahide-Arslan-Platz liegt in Kiel. Erst im Herbst 2015 wird in Mölln eine Straße nach Bahide Arslan benannt. In vielen Orten finden weiterhin Auseinandersetzungen statt, wie zum Beispiel um eine Amadeu-Antonio-Straße in Eberswalde.

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