Journal vom 16.6.2018

Jonathan Horowitz: Your Land/My Land. Election ’12

von Jan Wenzel

 

Dieser Text erschien zuerst in Camera Austria International 142, im Juni 2018

 

Der amerikanische Künstler Jonathan Horowitz hat mit „Your Land/My Land: Election’12“ 2014 ein Buch veröffentlicht, das ähnlich wie Ferdinand Kriwets „Campaign“ als eine Medienmitschrift des US-Wahlkampfes zu verstehen ist. Während des Wahlkampfs 2012, zwischen Barack Obama und Mitt Romney, hatte Horowitz in sieben verschiedenen amerikanischen Museen Installationen geschaffen, die dem Raum der politischen Auseinandersetzung in den Kulturinstitutionen eine Form gaben, die die BesucherInnen zum Reden, Streiten und Versöhnen einlud, die aber vor allem deutlich machte, wie Amerika in zwei Teile, in „Your Land“ und „My Land“ zerfällt: Teppiche in blauer und roter Farbe teilten den Raum. An der Wand hingen zwei Fernsehmonitore, die zwei unterschiedliche, wenn nicht total gegensätzliche Nachrichtenprogramme ausstrahlten. Wer sich zu den Republikanern hingezogen fühlte, die in der Farbcodierung der USA traditionell mit Rot verbunden werden, wurde von Fox News bedient, wer Blau zuneigte, die Farbe der Demokraten, bekam MSNBC zu sehen. Neben den Monitoren stand noch ein Computer, dessen Bildschirm ebenfalls farblich und politisch zweigeteilt war und auf dem Newsfeeds der beiden Präsidentschaftskandidaten in Echtzeit liefen, die die AusstellungsbesucherInnen auch kommentieren konnten.

 

Das 1.240 Seiten starke Buch – ein rot/blauer Ziegelstein – dokumentiert vor allem diese Ebene von Horowitz’ Medien- und Wahlkampfinstallation. Gestaltet hat dieses Künstlerbuch der Schweizer Grafikdesigner Laurenz Brunner. Wie die amerikanische Gesellschaft ist auch dieses Buch zweigeteilt in Rot und Blau. Diese duale Logik, die allein ein Entweder-oder kennt, bildet sich selbst noch auf dem Buchrücken ab, auf dem auch der Barcode zur einen Hälfte rot und zur anderen Hälfte blau ist.

 

Schlägt man das Buch auf, stehen sich auf jeder Doppelseite blau und rot gegenüber; genauer gesagt, die beiden Newsfeeds der Präsidentschaftskandidaten – auf der linken Seite Obama, auf der rechten Seite Romney –, die in dem Buch vom 58. Tag vor der Wahl bis zum Wahlabend und noch einige Tage darüber hinaus dokumentiert werden. Anders als Ferdinand Kriwet, der die mediale Realität des US-Wahlkampfs zerlegt hat, um sie in seinen Bildtableaus dann analytisch lesbar zu machen, geht es Jonathan Horowitz um eine 1:1-Wiedergabe paralleler politischer Wahrnehmungswelten – um den Zerfall eines Landes in zwei Sphären, zwischen denen immer weniger Berührungsflächen bestehen und die immer deutlicher den Charakter separater Kommunikationsblasen annehmen, in denen die Botschaften jeweils nur noch an die eigene Anhängerschaft adressiert sind. Seite für Seite fließen die Bild-Text-Ströme nebeneinander, oft auch über den unteren Rand der Seite hinaus, auf die nächste zugehörige Seite, was ein Gefühl des „Scrollens“ erzeugt. Als LeserIn kann man quantitative Beobachtungen machen: Oft bleibt die Romney-Seite einfach eine leere rote Fläche – Obama ist weitaus aktiver in den sozialen Netzwerken, man kann aber auch beide Newsfeeds parallel lesen und beobachten, wie unterschiedlich sie die neuen Kommunikationskanäle nutzen. Mit dem Abstand von sechs Jahren und abgehärtet durch das tägliche Stahlbad der Trump’schen Hasstiraden, liest sich dieses Zeitdokument des zweiten US-Wahlkampfs, der auch in den sozialen Medien geführt wurde, in seinen Kommunikationsformen erstaunlich zivilisiert. Und so hält „Your Land/My Land“ nicht nur eine flüchtige Form der politischen Kommunikation fest, es markiert auch einen Abstand – den rapiden Verfall der politischen Kultur in den USA, der im Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump 2016 in seiner ganzen Drastik deutlich geworden ist.

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