Journal vom 23.6.2018

Ludovic Balland: American Readers at Home, 2016

Dieser Text erschien zuerst in Camera Austria International 142, im Juni 2018

 

Dem Wahlkampf von 2016, der bei vielen BeobachterInnen einen tiefen Schock hinterlassen hat, widmet sich das Buch des Schweizer Grafikdesigners Ludovic Balland „American Readers at Home“. Balland, der der Autor des gesamten Buches ist – seiner Texte, seiner Fotografien, seiner typografischen Gestaltung –, hat ihm eine ungewöhnliche Form gegeben, denn „American Readers at Home“ ist ebenso Fotobuch wie journalistische Recherche, Hommage an das Medium der Tageszeitung ebenso wie eine Momentaufnahme Amerikas in den Monaten des Clinton/Trump-Wahlkampfs.

 

Vor allem aber unternimmt Balland eine konzeptuell bemerkenswerte Perspektivenverschiebung: von der Medienbeobachtung zur Erforschung der Medienrezeption. Ihn interessiert, was von den Tageszeitungen übrigbleibt, im Gedächtnis der LeserInnen, in ihren Gefühlen, Haltungen, in ihren Entscheidungen. Was hat sich abgelagert in den Köpfen von den Nachrichten des Vortags, was von den fortwährend eintreffenden News findet Eingang ins Langzeitgedächtnis der LeserInnen?

 

Um diese Frage zu beantworten, hat sich Ludovic Balland ein enormes Pensum abverlangt. Von September bis Dezember 2016 – der Scharnierzeit der Ära Trump – war er in den USA unterwegs. Seine 13.000-Meilen-Reise führte ihn quer durch das Land, in 17 Orten machte er Halt, um Menschen zu treffen, LeserInnen, und mit ihnen ausführliche Interviews zu führen. Er sprach unter anderem mit Weinverkäufern, einem DJ, Gewerkschaftern, Anwälten, einem Countrysänger, Teenagern und Lokalreportern; 55 dieser Interviews haben Eingang in die Publikation gefunden.

 

Ludovic Balland, der in seiner gestalterischen Arbeit sowohl im Digitalen als auch auf Papier tätig ist, sieht „das Papier entlastet“ durch den Informationsfluss im Netz. Seine Medienreflexion überträgt er in eine eigene Medienpraxis, denkt über neue Textformate und Schreibweisen nach, über die Zeitung als Plakat ebenso wie über die Möglichkeit, ein Buch wie eine Zeitung zu gestalten: mit engen Spalten, Headlines, Stoppern und einer klugen Bilddramaturgie, die über mehr als 500 Seiten trägt – ein Buch auf Zeitungspapier und im Tabloid-Format, bis in seine Materialität ein Zeitdokument der Widersprüchlichkeit.

 

In seiner Hinwendung zum Medium Zeitung und zu den einzelnen LeserInnen ist dieses Buch anders als die künstlerischen Wahlbeobachtungen von Kriwet und Horowitz zumindest vordergründig nicht am jeweils neuesten Stand medialer Wahlkampfkommunikation interessiert, aber ebenso wenig sucht es in den Zeiten von Fake News und digitalem hate speech einen nostalgischen Medienrückzug in die Welt des Analogen. Ludovic Balland arbeitet selbst an „neuen Medien“, die hier aber nicht technologisch definiert werden, sondern „neu“ sind durch ihre Darstellungsmöglichkeiten – durch die Verknüpfung von Text, Bild und Typografie, von haptischer Information und der Körperhaftigkeit des Informationsträgers –, durch die eine komplexe und in sich vielfach gebrochene Wirklichkeit vielleicht adäquater nachgezeichnet werden kann als anderswo.

 

Gegen die affektive Aufstachelung und die Vergiftung der politischen Öffentlichkeit durch Fake News schützt vielleicht am ehesten ein höheres Maß an Unterscheidungsvermögen. Eine unaufgeregte Genauigkeit in der Durcharbeitung der verschiedenen, ineinander verwobenen Wirklichkeiten, einer letztlich vielfach und von vielen zu leistenden Durcharbeitung: die das Sammeln und Verknüpfen von Informationen und ihre Formatierung im Medium ebenso betrifft wie ihre Rezeption. Denn ob wir informiert sind und handlungsfähig, um für ein Gemeinwesen einzutreten, liegt nicht allein an Massenmedien und Politik, es liegt in der Verantwortung der LeserInnen und ihrem Umgang mit Information. Darin liegt die Botschaft von „American Readers at Home“: Gerade in Zeiten des Wahlkampfs lohnt es sich, die Medien und ihre RezipientInnen in ihrem alltäglichen Wechselspiel zu beobachten.

Journal